Dienstag, 22. Mai 2007

Über die Germanistenkonferenz "Germanistik als Kulturvermittler: Vergleichende Studien"

Vom 17. bis 20. April hatten wir die Möglichkeit fast jeden Tag von den frühen Morgenstunden an im Raum 225 zu sitzen und uns Vorträge zu allen möglichen Themen anzuhören.

Welche Farben assoziiert man mit welchen Buchstaben? Welche Funktion hat Gestik im Fremdsprachenunterricht? Und zum Beispiel auch das Werk „Zur Produktivität von komplexen adjektivisch gebrauchten Partizipien Präsens und Perfekt in der deutschen Gegenwartssprache“ von Darko Čuden. Klingt sensationell und weckt Interesse, nicht wahr? Aber obwohl wir, Ave, Ingel und Meeli, vor dem Beginn des oben genannten Vortrags etwas skeptisch waren und uns auf ein sehr sachliches grammatisches Thema einstellten, vergingen die 30 Minuten wie im Fluge. Der Vortrag war gut aufgebaut, mit erklärenden, lustigen Beispielen illustriert, also interessant gemacht. Man konnte schon sehen, dass der Redner mit dem Publikum kommunizierte, was das Folgen sehr leicht machte. Eine erfreuliche Überraschung.

Besonders informativ und nützlich fanden wir die Erfahrungen der finnischen Germanisten, wie sie Studenten für ein Semester in Deutschland vorbereiten und durch ihren Auslandsaufenthalt begleiten. Wie viele andere Teilnehmer, geriet auch Annette Winter-Tarvainen in Zeitdruck. Weil ihr Thema uns als Studentinnen sehr betraf, hätten wir gerne eine Ausnahme gemacht und ihr länger zugehört. Es ist verständlich, dass die Vorträge, die die vorgegebene Zeit überschreiten, störend wirken. Aber das sonst ruhige Ambiente wurde manchmal doch aufgeregt und hektisch, wenn man ständig auf die Zeit deutete. Hätte man beispielsweise nicht die Finnin weiterreden lassen und einige Minuten der Kaffepause stehlen können?

Zwischen den meistens unterhaltsamen Vorträgen kamen auch manche sehr wissenschaftliche und spezifische Texte vor, die eher abgelesen wurden. Ihnen waren leider schwer zu folgen, denn Lesen geht schneller als freies Sprechen und lässt dem Publikum weniger Zeit zum Verstehen und Mitdenken. Besonders für Anfänger wie wir es sind. Jeder Vortrag gab jedoch Anlass zu einer interessanten Diskussion - natürlich wenn die Zeit ausreichte.

Es war eine informative und empfehlenswerte Germanistenkonferenz. Eine gute Gelegenheit sich mit allen vorstellbaren Themen bekannt zu machen. Habt ihr schon gewusst, dass es im Estnischen mehr Emotionsverben zum Gefühl „Erstaunen“ gibt als im Deutschen? Dass das Wort „Kartoffel“ aus dem Italienischen stammt und mit dem Trüffelpilz zu verbinden ist und welche bedeutende Rolle Linguistik im Bereich der Kriminalistik spielt?

von Meeli Soilts

Mittwoch, 9. Mai 2007

Fragmente der Germanistik-Konferenz in Riga am 19.-22. April

6 Uhr morgens. Ich wache auf und gerate erstmal kurz in Panik.
Huh, nein. Ich habe den Bus nicht verpasst. Er fährt um 6.45 Uhr.

Unser Busfahrer ist sehr nett und der Bus nur zu einem Drittel gefüllt, also können wir unsere Beine ausstrecken und ich schlafe die viereinhalb Stunden. Auf einmal sind wir – Polina, Heleri und ich in Riga.

Wieso sind wir hier? Wir sind drei der 15 Teilnehmern aus dem Baltikum zur Germanistikkonferenz „Brücken bauen in Europa“. Außerdem nehmen 15 Studenten aus Deutschland teil. Professoren/Doktoren/Schriftsteller aus 12 Ländern werden uns Vorträge halten.

Am Busbahnhof holt uns eine nette Lettin namens Sintija ab. Wir werden in unser Wohnheim gefahren.

Erst nach einer Weile geht es dann los. Abends um 18 Uhr findet ein Empfang statt. Für alle Teilnehmer der Konferenz. Ein lettischer Chor singt für uns, ein Lied sogar von Veljo Tormis. Die Präsidentin von Lettland, Vaira Vike-Freiberga begrüßt uns mit einer Videobotschaft. Danach ein Buffet. Ich fühle mich irgendwie sehr klein in der Schar von Akademikern und Professoren.

Am nächsten Tag geht es dann richtig los. Der erste Themenblock von vieren heißt „Historisches Bewusstsein und Geschichtsbilder im Baltischen Raum“. Wir hören vier Beiträge litauischer, lettischer, russischer und deutscher Herkunft. Mir hat hier am meisten der Beitrag von Prof. Margeris Vestermanis, einem der wenigen Überlebenden des Holokausts in Lettland, gefallen. Ich erfuhr viel neues über europäische Geschichte.

Nach einem Mittagessen geht es weiter mit dem zweiten Themenblock – „Orientierung nach Westen – wie verändern sich die Gesellschaften der neuen Mitgliedsstaaten in Ostmittel- und Südeuropa nach dem Beitritt zur Europäischen Union?“ Diesmal hören wir über die Wirtschaft der EU und über die Literatur. Wir diskutieren über das Thema – soll die EU ein gemeinsames Geschichtsbuch und/oder ein gemeinsames Literaturarchiv zusammenstellen?

Am Abend hören wir noch eine Autorenlesung von Petra Morsbach. Mich wundert, wie exakt sie die sowjetische Lage vor und nach dem Zusammenbruch des Ostblocks beschreibt. Doch war sie nie anwesend. Ich fand das Buch sehr gut. Und auf einmal fühle ich mich auch nicht mehr klein, denn die Professoren und Doktoren sind sehr nett. Ich fühle mich jetzt so, als hätte ich etwas zu sagen. Lange diskutiere ich mit einem Schriftsteller und Übersetzer über Literatur und die Geschichte des Baltikums.

Tag drei.

Die zwei letzten Themenbereiche – „Neuer Reichtum für Europa – die politischen und kulturellen Beiträge der Ostmitteleuropäer für das gemeinsame Europa.“ Wir erfahren, dass Westeuropa viel von Osteuropa zu lernan hat und dass die Sponsorengelder der EU nicht immer Gutes tun. Auch einen Beitrag von Dr. Olaf Mertelsmann hören wir, der zur Zeit an unserer Universität in Tartu tätig ist.

Und „Der Brückenbau nach Russland – was verbindet die russische Gesellschaft mit europäischer Kultur und europäischen Werten?“ wir hören dazu einen entusiastischen Beitrag einer russischen Doktorin, die den neuen europäischen Russen beschreibt. Dieser ist offen und freundlich. Wir diskutieren über die Möglichkeit einer Synthese zwischen Russen und Europäern, die sich doch nicht so wirklich ähneln. Skeptisch macht mich die Tatsache, dass beide russischen Teilnehmer als Einzige einen Übersetzer benötigen, weil sie kein Deutsch können…

Aber das war es für uns drei. Wir sollen nun in einen Bus steigen und nach Hause fahren. Leider verpasen wir einen Gottesdienst und die Schlusswörter an Sonntag, aber sowie ich bevorzugen auch meine Komilitoninnen früher nach Hause zu fahren. Andernfalls müssten wir nachher sechs Stunden in Riga sitzen und durch die Fenster den Regen beobachten.

Auch die Rückfahrt geht schnell. Wir hören Musik und
spielen mit der Kamera. Schon bald sind es nur noch
80 Km nach Tartu. Und als wir aussteigen, fühlen wir
– es ist doch wärmer hier oben in Estland. Das kann
aber auch davon kommen, dass wir endlich wieder zu
Hause sind.


Zusammenfassend muss ich sagen, die Konferenz war sehr, wirklich sehr interessant. Meine Angst vor langweiligen Beiträgen über Politik verschwand mit dem ersten Beitrag und kam auch nicht wieder. Außerdem sind deutsche, litauische und lettische Studenten sehr nett. Obwohl die Estinnen von allen baltischen Teilnehmern natürlich am besten Deutsch sprechen. Hihi.

Wenn es mir ermöglicht würde, würde ich nächstes Jahr gerne wieder teilnehmen.


Von Sandra Liisa Hint

Montag, 7. Mai 2007

Etliche Gedanken zu BaROCK

Prolog

Sandsturmsaison, auch Frühling genannt. Auf den Straβen den Mund lieber geschlossen halten, nicht atmen, die Augen fest zudrücken. Man wünscht sich, man wäre zu Hause geblieben, oder mindestens so gut gegen Sandstürme gewappnet, wie Kamele in der Sahara. Und noch etwas ganz lebenswichtiges zum Überleben in diesem urbanen Geschehniss – nicht lächeln! Oh der feine Geschmack des Sandes, dazu noch ein bisschen Staub und... mehr will man nicht mehr wissen. Also: nicht lächeln.

BaROCK

Freitag, der 30. März. Meine gute Freundin hat zwei Karten für „Italienische BaROCKvirtuosen” und lädt mich ein. Gut aussehende Jungs an der Garderobe nehmen unsere Jacken, alles ist sehr angenehm. Wir gehen in den Konzertsaal und unterhalten uns. Es gibt ganz wenig Menschen, diese Tatsache stört uns jedoch nicht – wir können noch ruhig 15 Minuten plaudern, bis das Konzert anfängt. Die Zeit vergeht und plötzlich wird die Beleuchtung ausgemacht. Was? Wie? Das kann doch nicht sein... Der Saal ist halb leer, vielleicht sogar mehr als halb leer. Ich habe mir immer vorgestellt, dass Tartu die Kulturhauptdstadt von Estland ist. Vielleicht auch nicht. Die erste Viertelstunde war ich traurig und beschämt, als wäre ich dafür verantwortlich, dass es so wenig Zuhörer gibt. Ich hoffte, dass es im Saal zu dunkel ist, um die freien Plätze zu sehen. War es aber nicht...

Ich habe mich immer für Rock interessiert, aber als kleines Kind, war meine „Lieblingsband” das London Philarmonic Orchestra und mein Lieblingskomponist Mozart. Das heiβt jedoch nicht, dass ich von Musik unheimlich viel weiβ, ich finde sie einfach schön.

Dieses Konzert war wirklich ein besonderes, einzigartiges Erlebnis, eine Mischung aus Klassik, Progerock, wilden Gefühlen und Pink Floyd. Dazu noch wunderschöne superschnelle metallartige Solos. Ich war begeistert! Ich würde nicht sagen, dass diese Musik nur für Fortgeschrittene geeignet ist, aber natürlich muss man schon einige Erfahrungen mit „anders-als-nur-Popmusik” gemacht haben.

Noch ein Extra dabei war Andres Mustonen, der schon eine Legende ist. Er sah aus wie Einstein mit Geige – seltsam, künstlerisch und wie ein Bohème. Ich habe noch nie gesehen, dass jemand die Geige mit solcher Leidenschaft und so lebhaft spielt, so dass die Fäden des Geigenbogens reiβen. Ich habe nur zwei Mal in meinem Leben gefühlt, dass ich ein Konzert nochmal besuchen möchte. Dies war das zweite Mal.

Epilog

Es ist neun Uhr am Abend, nicht weit weg vom Rathausplatz. Es dunkelt schon. Zwei Jungs mit Sportanzügen und weiβen Turnschuhen gehen vor mir. Glockenspiel.

- „Hä? Schon wieder dieses Lied! Ist jetzt schon wieder Weihnachten, oder was?”

Nein, lieber junger Mann. Brahms ist das, "Guten Abend, gute Nacht".

von Riina-Ingel Keskpaik