Huh, nein. Ich habe den Bus nicht verpasst. Er fährt um 6.45 Uhr.
Unser Busfahrer ist sehr nett und der Bus nur zu einem Drittel gefüllt, also können wir unsere Beine ausstrecken und ich schlafe die viereinhalb Stunden. Auf einmal sind wir – Polina, Heleri und ich in Riga.
Am Busbahnhof holt uns eine nette Lettin namens Sintija ab. Wir werden in unser Wohnheim gefahren.
Erst nach einer Weile geht es dann los. Abends um 18 Uhr findet ein Empfang statt. Für alle Teilnehmer der Konferenz. Ein lettischer Chor singt für uns, ein Lied sogar von Veljo Tormis. Die Präsidentin von Lettland, Vaira Vike-Freiberga begrüßt uns mit einer Videobotschaft. Danach ein Buffet. Ich fühle mich irgendwie sehr klein in der Schar von Akademikern und Professoren.
Am nächsten Tag geht es dann richtig los. Der erste Themenblock von vieren heißt „Historisches Bewusstsein und Geschichtsbilder im Baltischen Raum“. Wir hören vier Beiträge litauischer, lettischer, russischer und deutscher Herkunft. Mir hat hier am meisten der Beitrag von Prof. Margeris Vestermanis, einem der wenigen Überlebenden des Holokausts in Lettland, gefallen. Ich erfuhr viel neues über europäische Geschichte.
Nach einem Mittagessen geht es weiter mit dem zweiten Themenblock – „Orientierung nach Westen – wie verändern sich die Gesellschaften der neuen Mitgliedsstaaten in Ostmittel- und Südeuropa nach dem Beitritt zur Europäischen Union?“ Diesmal hören wir über die Wirtschaft der EU und über die Literatur. Wir diskutieren über das Thema – soll die EU ein gemeinsames Geschichtsbuch und/oder ein gemeinsames Literaturarchiv zusammenstellen?
Am Abend hören wir noch eine Autorenlesung von Petra Morsbach. Mich wundert, wie exakt sie die sowjetische Lage vor und nach dem Zusammenbruch des Ostblocks beschreibt. Doch war sie nie anwesend. Ich fand das Buch sehr gut. Und auf einmal fühle ich mich auch nicht mehr klein, denn die Professoren und Doktoren sind sehr nett. Ich fühle mich jetzt so, als hätte ich etwas zu sagen. Lange diskutiere ich mit einem Schriftsteller und Übersetzer über Literatur und die Geschichte des Baltikums.
Tag drei.
Die zwei letzten Themenbereiche – „Neuer Reichtum für Europa – die politischen und kulturellen Beiträge der Ostmitteleuropäer für das gemeinsame Europa.“ Wir erfahren, dass Westeuropa viel von Osteuropa zu lernan hat und dass die Sponsorengelder der EU nicht immer Gutes tun. Auch einen Beitrag von Dr. Olaf Mertelsmann hören wir, der zur Zeit an unserer Universität in Tartu tätig ist.
Und „Der Brückenbau nach Russland – was verbindet die russische Gesellschaft mit europäischer Kultur und europäischen Werten?“ wir hören dazu einen entusiastischen Beitrag einer russischen Doktorin, die den neuen europäischen Russen beschreibt. Dieser ist offen und freundlich. Wir diskutieren über die Möglichkeit einer Synthese zwischen Russen und Europäern, die sich doch nicht so wirklich ähneln. Skeptisch macht mich die Tatsache, dass beide russischen Teilnehmer als Einzige einen Übersetzer benötigen, weil sie kein Deutsch können…
Aber das war es für uns drei. Wir sollen nun in einen Bus steigen und nach Hause fahren. Leider verpasen wir einen Gottesdienst und die Schlusswörter an Sonntag, aber sowie ich bevorzugen auch meine Komilitoninnen früher nach Hause zu fahren. Andernfalls müssten wir nachher sechs Stunden in Riga sitzen und durch die Fenster den Regen beobachten.
Auch die Rückfahrt geht schnell. Wir hören Musik und
spielen mit der Kamera. Schon bald sind es nur noch
80 Km nach Tartu. Und als wir aussteigen, fühlen wir
– es ist doch wärmer hier oben in Estland. Das kann
aber auch davon kommen, dass wir endlich wieder zu
Hause sind.
Zusammenfassend muss ich sagen, die Konferenz war sehr, wirklich sehr interessant. Meine Angst vor langweiligen Beiträgen über Politik verschwand mit dem ersten Beitrag und kam auch nicht wieder. Außerdem sind deutsche, litauische und lettische Studenten sehr nett. Obwohl die Estinnen von allen baltischen Teilnehmern natürlich am besten Deutsch sprechen. Hihi.
Wenn es mir ermöglicht würde, würde ich nächstes Jahr gerne wieder teilnehmen.
Von Sandra Liisa Hint
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